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Frisch in Arbeit

Auf dieser Seite erfahren Sie hin und wieder, wo ich mich derzeit herumtreibe, woran ich arbeite und welche Projekte ich gerade angehe.

XTE - JÜNGSTE TEXTE-JÜNGSTE TEXTE-JÜNGSTE TEXTE-JÜNGSTE TEXTE-
- der stadtnarr von mölln - holsteiner schinken - die passat - el hierro und das wasser - architektur auf rügen - helsinki, stadt im wandel - arran, schottland im kleinen – zu fuß rund um fehmarn - mit ornithologen in estland - die goroka-show in papua-neuguinea – groningen, nicht nur fahrradhauptstadt - haida gwaii, das galapagos kanadas – tour de grass: mit der app unterwegs-
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MONATSRUNDSCHLAG

7/22 – Ich bin ein Glückspilz. Unter meinen Freunden sind zwei, die Sprache lieben, die sich mit Sprache auskennen, und die gern mit und an Sprache arbeiten: Jo Fenske, „der Scharfrichter“, und Markus Zillinger, „der Fuchs“. Die beiden haben bereits, unabhängig voneinander, bei meinem letzten Buch Korrektur gelesen, und machen das auch bei „Fast alles über das Herzogtum Lauenburg“ wieder. Denn es geht mir wie jedem Autor und jeder Autorin: Auch wenn man einen eigenen Text vier-, fünfmal oder noch öfter liest – man ist zu nahe dran und zu vertraut damit, und man übersieht Fehler. Wenn die Fehlermeldungen und stilistischen Verbesserungsvorschläge der beiden kommen, staune ich immer wieder, was mir entgangen ist. Das Schwert des Scharfrichters und die Spürnase des Fuchses – dafür bin ich sehr, sehr dankbar.
Unter dem Titel „Schlauer reisen“ haben die „Lübecker Nachrichten“ eine ganze Seite über den Kollegen Matthias Kröner und mich gebracht (siehe „Buch & Beifall – gut gefunden). Thema: Wie schafft man es, in Corona-Zeiten Reiseführer zu recherchieren. Ein sehr sympathischer Artikel, über den wieder viele Leute, auch aus Israelsdorf, auf meine Website gefunden haben.

6/22 – Der Elberadweg ist 1.300 Kilometer lang. Der Abschnitt von Lauenburg nach Geesthacht gerade mal 19. Aber so reich an Attraktionen wie wenig andere. Da ist Lauenburg selbst, mit der ehrwürdigen Elbstraße, dem „Rufer“-Denkmal und dem tollen Elbschifffahrtsmuseum. Das Hohe Elbufer, das angeblich großartige Ausblicke auf den Fluss bietet, war leider gesperrt, weil sturzgefährdete Bäume entfernt werden mussten. Zurück an die Elbe ging es in Tesperhude. Der Pannenreaktor Krümmel. Das Pumpspeicherkraftwerk. Ich ließ das Fahrrad unten und wanderte hoch. Es dauerte viel länger als gedacht, aber vom luftigen Aussichtsturm am Kunstsee oben hatte ich einen schönen Blick auf die Elbe und die grüne Marsch dahinter. Den Abschluss bildeten Schleuse, Staustufe und Fischtreppe – ein hochinteressanter Fahrradausflug in die Industriekultur und das Leben am und auf dem Fluss einst und jetzt.

5/22 – Interview mit Sven Kolb, dem Möllner Till Eulenspiegel. Ein Stadtrundgang ebendort, mit Stadtarchivar Christian Lopau und Stadtführerin Britt Stein. Besuche im A.-Paul-Weber-Museum, im Ernst-Barlach-Haus und im Kreismuseum. Eine Führung durch den Ratzeburger Dom mit Klaus Hirsekorn, einem Mediziner a.D., mal etwas anders. Eine Fahrt übers Land zum Erlebnisbahnhof Schmilau, wo die Züge inzwischen recht trostlos herumstehen. Abstecher zu den Feldsteinkirchen von Gudow und Sterley und ins Salemer Moor. Tag für Tag füllt sich der Ordner „Herzogtum Lauenburg“ mehr. Tag für Tag kommen neue Themen dazu.

4/22 – 2021 wurde ich bei der Wahl zum „Reisejournalist des Jahres“ von den Kolleginnen und Kollegen auf den 3. Platz gewählt, in diesem auf den 4. Das ist höchst erstaunlich, denn ich war in diesen Zeiten fast gar nicht unterwegs, und ich habe nur wenig veröffentlicht. Müssen alte Sympathien sein. –
Rechtzeitig zu Ostern erscheint „Fast alles über die Lübecker Bucht“. Das ist der Pressetext dazu:

„Die Stadt. Der Hafen. Das Meer.
Mit „Fast alles über die Lübecker Bucht“ hat der Autor Franz Lerchenmüller jetzt seine Lübeck-Trilogie vervollständigt. Im letzten Jahr sind schon „Fast alles über Lübeck“ und „Fast alles über Travemünde“ erschienen und sehr gut angekommen.
Für den neuen Band ist er von Großenbrode bis Boltenhagen entlang der Küste gewandert. Er hat Holsteiner Schinken und den Freien Fall getestet, erzählt von Seebrücken und Seepferdchen und kümmert sich auch um Discgolfen, Wakeboarding und den 54. Breitengrad.
Wie immer geht es ihm nicht nur um die spektakulären Attraktionen, sondern auch um weit weniger bekannte Highlights. Der Hansapark kommt ebenso vor wie der Farbraum in Sierksdorf, Schloss Bothmer gehört dazu wie das literarisch-kriminelle Timmendorf oder die Keramik von Jan Kollwitz.“

3/22 - Düstere Zeiten. Arbeit hilft. Ich bin schon mittendrin in der Geschichte und dem Alltag des Herzogtums – und es ist wie immer: Je mehr man sich mit einem Gegenstand beschäftigt, desto interessanter wird er, und desto mehr Facetten scheinen auf.
Die „Lübecker Bucht“ läuft immer noch durch Korrekturgänge – Anfang April, hoffen wir, sollte sie in den Buchläden liegen.

2/22 – „Fast alles über die Lübecker Bucht“ ist im Satz. Der Titel ist fertig. Ebenso ein kleines Plakat, das die drei Titel der Trilogie zusammen zeigt. Motto: „Die Stadt. Der Hafen. Das Meer.“ Es soll später in den Buchhandlungen hängen. Derzeit denke ich darüber nach, „Fast alles über das Herzogtum Lauenburg“ zu schreiben.

1/22 – Dass Reisejournalisten und -journalistinnen in diesen Zeiten nicht verreisen können, scheint mir, gemessen an den Herausforderungen, mit denen sich andere Berufsgruppen herumschlagen müssen, ein eher kleines Problem. Also klage ich nicht. Sondern wünsche uns allen, was wir uns alle wünschen: Dass Corona im Lauf des Jahres zu einer Art stinknormalen Erkältung mutiert.
Noch im alten Jahr, am 5. Dezember, hat der Deutschlandfunk mein Stück über die „Tour de Grass“, die Radtour mit App auf den Spuren des Nobelpreisträges, gesendet. Nachzuhören unter: https://www.deutschlandfunk.de/sonntagsspaziergang-vom-5-12-21-teil-dlf-3e8c7ad4-100.html.
Siehe „Weitere Beiträge“. Sonntagsspaziergang vom 5.12.. Teil 1 (ab 08.00 minuten)

12/21 – Die Texte zu „Fast alles über die Lübecker Bucht“ sind fertig – meine Korrektoren Joachim Fenske und Markus Zillinger tilgen gerade noch die letzten Kommafehler und Konjunktivversäumnisse. Das Buch wird mehr Kapitel und mehr Text haben als die anderen, soll aber trotzdem nicht teurer werden – mal sehen, ob wir das hinkriegen. Keine Produktion also derzeit, stattdessen: Kaminfeuer, Kekse, Kunterbuntes (sprich: Lesen und Lösen – Kreuzworträtsel nämlich).

11/21 – Im Magazin der Gemeinnützigen, „Die Lübeckischen Blätter“, hat mich Karl Klotz mit einer schönen Rezension erfreut:
„Fast alles über Lübeck und Travemünde.
Franz Lerchenmüller, geboren im Allgäu, lebt und schreibt seit 40 Jahren in Lübeck und hat die Geschehnisse in der Hansestadt immer genau im Blicke behalten. Der Weltreisende - aber auch eng mit Lübeck Verbundene, der bundesweit erfahrene Journalist - aber auch „Heimatschriftsteller der Hansestadt“ hat in kurzem Abstand zwei Bücher vorgelegt: Im Juni 2021 ist im vitolibro-Verlag „Fast alles über Lübeck“ (Taschenbuch mit 140 Seiten für € 9,95) erschienen, ein paar Wochen später dann „Fast alles über Travemünde“ (Taschenbuch mit 128 Seiten für € 9,95).
Die Bücher bieten einen Husarenritt durch Lübeck und seine Tochter an der Ostsee. Alphabetisch geordnet wie eine Enzyklopädie werden Stichworte in kurzen Artikeln beschrieben. Zu fast allen Buchstaben des Alphabets fällt Lerchenmüller dabei etwas ein. Da werden einige Schlaglichter auf die lange Geschichte Lübecks geworfen und auch von Persönlichkeiten wie Dorothea von Schlözer und dem Wunderkind Christian Heineken oder vom Holstentor und dem Rathaus erzählt. Der Schwerpunkt der sehr subjektiv und persönlich ausgewählten Themen liegt aber auf den letzten Jahrzehnten, in denen Lerchenmüller in der Hansestadt lebt: Die Lübecker Inhalte reichen vom Leben von Marianne Bachmeier über die Alternative auf der Walli, den Uni-Kampf im Jahre 2010 bis zur Einrichtung des Drehbrückenplatzes. Es wird der Brand in der Hafenstraße, die Flüchtlingsströme von 2015 oder der Mauerfall ebenfalls thematisiert. In Travemünde geht es dagegen um den Tourismus mit den Hotels und Bademöglichkeiten, um das Meer mit seinen Schiffen und Fischen und um die Menschen, die hier wohnen und den Kurort gestalten, durch Sport, Kunst und Kultur. Die persönlichen Vorlieben des Autors gibt er selber zu. So liest er lieber Ralf Rothmann als Thomas Mann, trinkt lieber Riesling als Rotspon.
Für welche Leser sind diese Bücher denn nun zu empfehlen? Leicht kann man sagen, für wen diese Bände nicht geschrieben sind: Bibliophile werden keine besondere Freude haben, denn die vielen Schwarz-Weiß-Bilder bieten nur einen geringen Genuss, und eine genauere Überarbeitung des Textes hätte auch helfen können, einige Schreibfehler zu eliminieren. Und richtige Reiseführer sind diese Bücher auch nicht.
Der Untertitel der beiden Bücher zeigt, was man von diesen erwarten kann: „Geschichte und Geschichten: Ein charmantes Sammelsurium“. Dieser Untertitel stimmt, denn sehr Viele können diese Bücher mit großer Freude lesen: Besucher*innen der Region können durch die Lektüre gut den Spirit der Stadt erschnuppern und Lübecker*innen werden viele Themen wiederfinden, die in den letzten Jahren eine Zeitlang hitzig diskutiert und in aller Munde waren, jetzt aber schon fast wieder vergessen sind.
Ein besonderes Vergnügen für alle, die in den Bändchen schmökern, ist aber der Stil der kurzen Texte: Diese sind nämlich mit viel Spaß, treffender Ironie, beeindruckenden Detailkenntnissen und mit ganz viel Augenzwinkern geschrieben. Denn das kann Franz Lerchenmüller ohne jeden Zweifel hervorragend. Man kann das Buch kaum weglegen, wenn man einmal hineingeschaut hat. So sind die beiden neuen Bände sowohl für Alt-Lübecker*innen als auch für Neu-Bürger*innen ein Gewinn.“

10/21 – In diesen Wochen bin ich ununterbrochen unterwegs: Großenbrode, Timmendorf, Neustadt, Hemmelsdorfer See – von Süden nach Norden und umgekehrt. So nimmt allmählich auch der dritte Band meiner „Trilogie“ Gestalt an: „Fast alles über die Lübecker Bucht“. Letzter Termin soeben: In Grömitz war ich mit den Männern vom Bauhof im Unimog am Strand unterwegs und ließ mich über die Feinheiten der Sandbearbeitung informieren. Spannende Geschichte – Sand ist schließlich das Kapital der Küste. -
Anderes Thema: Jetzt haben die LN auch „Fast alles über Travemünde“ kurz vorgestellt.
„Bücher über die Historie der Küstenorte gibt es viele – der Verlag Vitolibro blickt gern auch ins heutige pralle Leben. So ist in der Reihe „Fast alles über..“ nun das Bändchen über Travemünde erschienen. Wieder einmal hat der Autor und Journalist Franz Lerchenberg (!) eine knackige Mischung aus Altem und Aktuellem ausgegraben und neu entdeckt, vom obligatorischen Alten Leuchtturm über Elche (aus LED-Lämpchen), Konsul Fehling und Sternekoch Kevin Fehling, Persiluhr bis zur Wochenendhaussiedlung auf dem Priwall (55 Quadratmeter für eine halbe Million Euro) und eine Zeitschiene. Auch die Kindheitserinnerungen des LN-Kolumnisten Maximilian Buddenbohm sind erwähnt. Das ist unterhaltsame und informative Lektüre für Urlauber und Einheimische mit manchem Oha-Erlebnis.“

9/21 – Die „Lübecker Nachrichten“ haben einen Hinweis auf mein Buch gebracht. Erstaunlicherweise habe ich zahlreiche Rektionen aus Lübeck und auch aus Israelsdorf bekommen: Eine Menge Menschen mehr aus der Nachbarschaft lesen jetzt diese website. Wenn nötig, werde ich sie deshalb künftig auch nutzen, um mich mit Themen zu beschäftigen, die uns vor Ort umtreiben oder Probleme bereiten.

„Es gibt unzählige Reiseführer über Lübeck – sachlich, historisch, kulturell, naturell, mit schnurrigen Geschichten oder sportlichen Tipps. Der neue aus dem Vitolibro-Verlag ist von allem etwas: ein munteres Sammelsurium aus Geschichte, Geschichten, Kultur, Alltag und Persönlichkeiten. Franz Lerchenmüller buchstabiert die Hansestadt tatsächlich durch von A wie Antiquariat bis Z wie Zukunft. Natürlich dürfen Klassiker wie Marienkirche, Holstentor, Rathaus nicht fehlen, aber letztlich bestimmen ja Menschen den Geist einer Stadt. So kommen neben den historischen Persönlichkeiten eben auch Marianne Bachmeier, Björn Engholm und die jungen Stars der Stadt, Jonas Nay und Svealena Kutschke vor. Überhaupt ist das Büchlein up to date mit der Kulturwerft Gollan und dem neuen Drehbrückenplatz. Interessant nicht nur für Touristen.

8/21 - Zu Nachhören: Am 1.8. hat der Deutschlandfunk mein 20-minütiges Travemünde-Porträt gebracht. Es steht noch in der Audiothek:
https://www.deutschlandfunk.de/sonntagsspaziergang.1241.de.html

Jetzt ist auch „Fast alles über Travemünde“ erschienen.
Hier der Werbetext dazu:

„Travemünde war schon vieles: Fischereihafen und mondänes Kurzentrum, Volksbad und Jet-Set-Bühne, Provinzkaff und weite Welt. Es wandelte sich vom glitzernden Travemonte zum erschlafften Rentnermünde und weiß noch nicht, ob es jetzt zum überlaufenen Beach Hotspot werden soll.
Von all dem handelt dieser Reiseführer.
Er bringt Beach Bay und Badekarren zusammen, Kevin Fehling und Konsul Fehling, die Fischbrötchen im Hafen und das Filet Wellington im alten Kurhausrestaurant.
Strandgut, Kiebitze, das Drachenfest und die deutsch-deutsche Grenze - alles gehört hinein. Alles zusammen macht Travemünde aus.
Und er stellt spannende Fragen:
Sitzt da noch wer im Lotsenturm und was machen die da? Ist Travemünde wirklich Lübecks schönste Tochter oder doch nur seine Cash-Cow? Warum haben die Priwallianer die Kohlenhofspitze besetzt? Und wie ist er eigentlich so, der Travemünder?
Wer mehr erfahren will über die Bäderarchitektur, das Sandskulpturenfestival, den Skandinavienkai und die schwere Arbeit an Bord der Passat, der kriegt hier Bescheid.
Und ein paar Steckbriefe moderner Wegelagerer gibt es gratis dazu.

7/21 – „Fast alles über Lübeck“ ist seit gestern auf dem Markt.
Als kurze Information hier der Text der Rückseite des Buches.

„Dies ist ein Stadtporträt der anderen Art. Natürlich kommen Marienkirche, Heiligen-Geist-Hospital und Rathaus darin vor.
Aber eben auch Marianne Bachmeier, das verrückte Theater um den Flughafen, Björn Engholms Karriere und der neue Drehbrückenplatz. Dazu erfahren Leserinnen und Leser einiges über Günter Grass, Jonas Nay und die Lisa von Lübeck. Sie wandern mit um die Altstadt, paddeln über die Wakenitz und sind dabei, wenn bei Niederegger Weihnachtsmänner geschminkt werden.
Ungeniert bekennt der Autor seine überschaubare Begeisterung für den Schachtelsatzakrobaten Thomas Mann, fragt, was die Farbe Gelb für die Stadt bedeutet und hat auch Tipps für Boule-Freunde, Heringsangler und Power-Shopper parat.
Kurz: Dieses Buch ist eine 140-seitige, durchaus auch kritische Liebeserklärung an – so der Autor, deshalb lebt er ja hier - die schönste Stadt Deutschlands. Eine Stadt, die heute bunter, vielfältiger und lebendiger ist als je zuvor in ihrer Geschichte.
Und das Holstentor? Ist natürlich auch drin. „Klein und schief wie eine zerrupfte Glucke sitzt es in seiner Niederung vor der Stadt und begrüßt den Rückkehrer ein bisschen zerstreut: Ach, du auch wieder hier?“

ISBN 9 783869 400969, 140 S., 9,95

6/21 – Immer, wenn ein Buch seiner Vollendung entgegengeht, wird es lebhaft zwischen Autor und Verleger. Mails rasen hin und her: Welche Farbe kriegt denn der Titel jetzt? Ist die Schrift einen Punkt zu groß? Sind wirklich schon alle Korrekturen ins Manuskript eingearbeitet? Ein weiterer Korrekturgang? Sollen wir das Foto auf der 38 lieber austauschen? Kommt das andere Rathaus-Bild in Schwarz-Weiß tatsächlich besser? Was schreiben wir auf den Werbezettel für den Buchhandel? Ist das zu viel Text? Muss Luft rein? Geht das noch ein bisschen herzlicher?
Immer neue Überlegungen, Ideen, Argumente, Entscheidungen.
Und wie bei der Arbeit an einer Skulptur schält sich nach und nach aus dem Grundmaterial „Text und Fotos“ eine Gestalt heraus, die immer klarere Züge annimmt.
Aufregende Zeiten, diese Geburtswehen.

5/21 – Travemünde: Alte Vogtei, Maritim, Brodtner Ufer, Skandinavienkai, Ostseestation – aber auch Europas größter Seeflughafen 1926 auf dem Priwall , Pferderennen Ende des 19. Jahrhunderts, Curd Jürgens und Ari Onassis am Roulettetisch: Travemünde ist noch viel interessanter und vielfältiger, als ich vor Beginn meiner Recherche gedacht hätte. Und ich will möglichst viele Facetten des Seebads einfangen. Rumspazieren, Leute interviewen, fotografieren – das ist unsere Arbeit in diesen Tagen.

4/21 – Aus 120 Seiten „Fast alles über Lübeck“ sind 140 geworden, und auch die reichten nur aus, weil ich ordentlich gekürzt habe. Lübeck ist eben doch vielfältiger und überraschender, als man es sich vorstellt, wenn man nur etwas tiefer einsteigt. In etwa zwei Monaten soll das Buch auf dem Markt sein, hoffen wir, dass die Buchläden dann wieder öffnen dürfen.
Und es geht weiter. „Fast alles über Travemünde“ steht an. Die Recherchen zu einem FAZ-Artikel über „Lübecks schönste Tochter“ haben mir soviel Appetit gemacht, dass ich jetzt auch da noch Genaueres wissen will.

3/21 – Seit Wochen arbeite ich an meinem neuen Buch „Fast alles über Lübeck“ für den Vitolibro-Verlag. Es wird eine Liebeserklärung auf 120 Seiten, bebildert, eine Mischung aus Reiseführer, Geschichts- und Geschichtenbuch und persönlichen Erinnerungen. Lothar Fauth kommt darin ebenso vor wie Julius Leber, die Alternative steht gleichberechtigt neben dem Heiligen-Geist-Hospital, man findet Boule-Bahnen, Marzilade und Buthmann´s Bierstuben. Es macht mir ungeheuren Spaß, in meinem Archiv zu wühlen, Freundinnen und Freunde nach ihren Erinnerungen auszufragen, und ich gehe immer wieder für noch eine Wanderung oder eine Fototour los.
Eine tolle Aufgabe in einer Zeit, die sonst gerade nicht viel zulässt.

2/21 - Mein Vater liebte es, zu verreisen. Von jeder Tour brachte er ein volles Notizbuch mit nachhause. „Geistige Notration für schlechte Zeiten“, erklärte er, und wir Kinder schüttelten den Kopf. Als er alt wurde, machten seine Beine nicht mehr mit. Doch nun studierter er Tag für Tag seine Aufzeichnungen und erlebte glücklich jede Fahrt ein zweites Mal. Auch heute herrschen ungute Zeiten in Sachen Reisen. Doch auch ich habe über die Jahre Notrationen gesammelt. Und ich teile sie gern. Damit wir nicht vergessen, warum wir gereist sind. Und wieder reisen werden.
„In Cooya Beach im menschenleeren Nordosten der Cape York Halbinsel zeigen Brandon und Lincoln Walker vom Kubirri Warra Clan, wie man sich am Strand und aus dem Meer ernährt. Eine Runde Speerwerfen, - alles andere als einfach, wenn man treffen will - dann geht es barfuß hinein in die Mangroven. Die Brüder sind Anfang dreißig. Sie haben studiert, um Lehrer zu werden, ziehen es heute aber vor, mit Touristen "das zu unternehmen, was wir schon als Kinder liebten - mit dem Unterschied, dass wir jetzt Geld dafür bekommen": Im auflaufenden Wasser Fische speeren und in den Mangroven Muscheln sammeln und Krabben ausbuddeln.
Wie umgedrehtes Regenschirmgestänge stecken die Wurzeln in- und durcheinander, schmatzend schließt sich der grauschwarze Schlick um die Füße. Mühsam tastet man sich im Gewirr voran, windet sich hindurch, klettert unter und zieht sich über die kreuz und quer aufragenden Hürden. Gefährlich ist es hier nicht, behauptet Brandon: „Die Moskitos haben uns noch nicht entdeckt, und die Salzwasserkrokodile schwimmen erst herein, wenn das Wasser in den Kronen steht."
Hinterher wandern die gesammelten Schnecken, Krebse und Muscheln in die Küche von Mutter Walker. Es reicht für Kostproben, dazu gibt es Kaffee und Muffins. Vater Walker spielt auf der Elektrogitarre „Ghost riders“, während die Söhne den Gebrauch unterschiedlicher Bumerangs erklären, gefährliche Rochenstacheln herumgehen lassen - und die ein Meter lange Schale einer Schildkröte, die Brandon vergangene Woche tauchend an die Oberfläche zwang. Gekocht wurde sie zum traditionellen Festmahl bei der Totenfeier einer alten Dame aus der Familie, die nunmehr nur noch 68 Köpfe zählt.“

1/21 - Ich wünsche allen Freundinnen und Freunden, allen Kolleginnen und Kollegen, allen Menschen, die mal mit mir unterwegs waren, sowie allen kleineren und größeren Veranstaltern, mit denen ich unvergessliche Reisen unternommen habe, dass sie, wenn auch mit blauen Flecken, heil über die Runden kommen. Und dass Spanien, Kanada, Norwegen, Australien….. dass die Welt sich wieder öffnen kann.

12/20 - Bingling, die Höhlen der 10 000 Buddhas in China - 15 Jahre ist es her, dass ich sie besucht habe:
„Über dem Gelben Fluss, der jetzt kein Wasser führt, thront eine 27 Meter hohe Figur aus dem 10. Jahrhundert: Maitreya, der Buddha der Zukunft, der große Weltenlehrer. Im Stein sind noch die Löcher zu sehen, in denen die Künstler ihre Gerüste befestigten, um am senkrechten Fels arbeiten zu können. Daneben führen in einer Felsspalte Leitern nach oben. Über Buddhas Haupt verbindet eine fragile Holzgalerie, die selbst ein handwerkliches Kunstwerk darstellt, die unterschiedlichen Teile der Höhle. Ein Soldat achtet darauf, dass niemand fotografiert. Ein phantastisches Freilichtmuseum erwartet die Besucher, 40 Meter über der Erde: Dutzende von Altären und Figuren treten aus dem Stein, einige direkt daraus gehauen, andere aus Lehm und Stroh geformt. Immer noch einmal entdeckt man neue Gesichter, neue Kompositionen, neue Versuche, einen Ausdruck für Würde, Abgeklärtheit und Versenkung zu finden.
27 Meter breit ist die Höhle, 16 Meter hoch und 15 Meter tief. Einst war sie über und über ausgemalt. Viele der Malereien sind inzwischen abgefallen und ausgewaschen, doch 150 Quadratmeter haben sich erhalten. Bilder in kräftigem Grün und leuchtendem Türkis erzählen Geschichten. Geschichten von den drei Heiligen aus dem Westen, vom Buddha der zehn Himmelsrichtungen und von König Akosa, eine der ersten buddhistischen Legenden überhaupt. Die Führerin macht auf Gesichter mit längeren Nasen und tiefer liegende Augen aufmerksam, auf Frauen mit Haarknoten und Männer mit dichtem Bart: Die kleinen Völker, die hier lebten, unterschieden sich deutlich von den Menschen im östlichen Teil des Reichs der Mitte. Einige der Schriftzeichen verweisen auf das Jahr 420 n.Chr. - damit sind die Höhlen von Bingling neben denen von Mogao die ältesten Chinas.“

11/20 – Die Welle rollt, an Reisen ist nicht zu denken. Also verreise ich im Kopf und erinnere mich an eine andere Welle – 2006 in Neufundland war´s:
„Draußen rollt sie ganz schön, die See. Die Wellen treiben Schaumkronen, schwellen zu ordentlichen Hügeln an und werfen kleinere Täler auf. Großartige Bilder - auch für die Kamera. Jim, der schon dabei ist, seine Gruppe in den sicheren Schutz der Inseln zurückzuschicken, runzelt besorgt die Stirn, bleibt dann aber, na gut, bei mir, dem Journalisten. Eine Reihe grandioser Fotos, die Kamera zurückgesteckt in den Trockenbeutel, das Kayak schwappt, da kommt doch - und urplötzlich bricht aus dem Himmel eine grün-gläserne Lawine herab und begräbt das kleine Plastikding unter sich. Weiße Strudel, wilder Sog und das Aufblitzen eines Gedankens: Jetzt ist es passiert! Ringsum - ringsum! - brodelndes Wasser, kopfüber im Kayak in der See, bloß keine Luft holen jetzt! Und einen Sekundenbruchteil später die glasklare Erinnerung an Jims Instruktionen: Wenn etwas passiert, zieht den Spritzschutz ab, schnellt euch heraus. Aufgeregtes Tasten am Rand der Gummischürze entlang: Da ist die Lasche, vorschriftsmäßig frei, zum Ziehen geradezu geschaffen. Ein Ruck - und großes Erstaunen: Nichts hakt, nichts klemmt, das Ding ist auf Anhieb weg. Ein Sich-Herauswinden aus dem Sitz - und schon schießt der Körper dank der Rettungsweste wie ein Kork an die Oberfläche. Ein gekipptes Kayak, ein Paddel treibt, neben zwei Trockensäcken und einer Mütze - eigenartig klar registriert das Gehirn das Bild. Schon ist Jim da, sein Kayak zum Festhalten, während er mit einem seiner Jungs das gekippte Fahrzeug dreht, das erstaunlich wenig Wasser genommen hat. `Beine voraus und wieder rein!`, brüllt er, und ´Halt das Paddel fest´, während seine Kollegen die treibenden Säcke aufsammeln. Und als ich wieder sitze, bringen wir beide sogar so etwas wie ein Lachen zustande. Jetzt aber nichts wie rein! Und während ich in Richtung Ufer paddle, paddle, paddle, mich möglichst warm- und heißpaddle, Jim Price immer dicht neben mir, bewege ich in meinem aufgewühlten Herzen und meinem nassen Kopf eigentlich nur einen Gedanken und ein Gefühl: Respekt. Frisch erneuerter, tiefer Respekt vor der See. Und eben erst gewonnener, vor den Männern, die ihre Gefahren ganz genau kennen und mit soviel Umsicht und Gelassenheit mit ihnen umzugehen vermögen.“

10/20 – Es war alles schon mal da. Im Dezember 2001 zum Beispiel. In Ägypten. Nach dem 11. September fiel der Tourismus dort quasi aus dem Stand von hundert auf null.:
„Der Tempel von Kom Ombo, der Philae-Tempel in Assuan, die Pylone des Horustempel von Edfu - alle diese Orte sind Pilgerstätten des modernen Tourismus. Doch wo vor Monaten noch das Leben brodelte, herrscht jetzt wenig Aufregung: Drei, vier Busse stehen einsam auf den Parkplätzen herum. Reisegruppen verlieren sich im Halbdunkel der Säulenhallen, nur selten geraten sich die Führer mit ihren Erklärungen in die Quere. An den Ufern liegen die Kreuzfahrtschiffe in Dreierreihen vertäut, kein Einsatz für "Nile Beauty", "Nile Star", "Nile Splendor" und die meisten der fast 300 Nilkreuzer. Und fast scheint es, als sei in den Basaren schon so etwas wie Resigantion eingekehrt, angesichts der vergleichsweise milden Belästigung, der die Touristen ausgesetzt sind.“
Die, die trotzdem hinfuhren, so wie ich, konnten ganz ohne Zeitdruck und Touristengedränge Dinge bestaunen, die sie ihr Leben lang nie mehr vergessen würden:
„Die Reise endet im Tal der Königinnen, im Grab der Nefertari. Und dort sind sie noch einmal versammelt, die wichtigsten der über hundert Götter, die die Reisenden den Nil hinunter begleitet haben: Da ist Thot, der weise Schreiber mit dem Ibiskopf, der ein andermal auch als Pavian auftritt. Osiris, der schwarze Totengott, steckt in seinem Mumienleib. Ra trägt seinen Falkenkopf mit der Sonnenscheibe darüber. Maat, die Geflügelte, vertritt die kosmische Ordnung, Anubis, der Schakal, bewacht die tote Königin und Horus tritt diesmal ohne Falkenkopf, aber im Leopardenfell auf. Mitten durch diese Breitwandschau der Götter-Prominenz schreitet Nefertari, die Schöne, die vielgeliebte Gattin Ramses II., schreitet im weißen durchsichtigen Gewand, dann wieder im enganliegenden hohen Rock, trägt rote Bänder, goldenen Halsschmuck, wechselnden Kopfputz, geht barfuß oder in weißen Sandalen - eine prächtige Modenschau aus dem 13. Jahrhundert vor Christus hat sich hier erhalten, eine Bilderkammer, so leuchtend frisch und so schön wie nirgendwo sonst auf dieser Reise. „

9/20 – „Drüben am anderen Ufer des Sees gingen wir vorhin entlang. Molkenthien zeigte die Stelle, an der einst das Dorf Lankow gestanden hatte, ehe es dem Erdboden gleichgemacht wurde, wie so viele Ansiedlungen und Gebäude, die einem freien Sichtfeld und damit der lückenlosen Überwachung der Grenze im Weg gestanden hatten. Wir stießen auf Spuren von Damwild und einen von einem Raubvogel halb gerupften Gänsesäger mit seinem gezackten Schnabel und sahen auf den Feldern die Aufbrüche, die die zahlreichen Wildschweine gepflügt hatten. Im Wäldchen zur Linken hatten Grenzsoldaten die Zahl der Tage bis zu ihrer Entlassung in Buchenrinde gekerbt und, wenn es schließlich so weit war, daß sie "den Löffel abgeben konnten", einen aus ihrem Eßbesteck tatsächlich an einen Baumstamm genagelt. Wir fanden leere Bierdosen im Gestrüpp und von Anglern zurückgelassene Plastikschälchen, in denen sich die Mehlwürmer schon verpuppt hatten. Ein gefahrloses Zubrot für die Fische heute ausnahmsweise, und möglicherweise auch für die großen Krebse, die Molkenthien in seiner Jugend schockweise gefangen hatte, und die es, nachdem sie viele Jahre verschwunden waren, hier inzwischen wieder gibt.“
Das schrieb ich 1990, in meinem ersten Bericht über den Schaalsee. Jetzt waren wir wieder da. Es herrscht Ruhe in den Dörfern am Ostufer. Der „Landtag“, eine Gastsstätte in Zarrentin, hat inzwischen geschlossen. Den Fischer auf der Insel Kampenwerder gibt es längst nicht mehr, auch das Restaurant, das da mal war, ist verschwunden und in ein Ferienhaus umgewandelt worden. Der Sitz der Naturparkverwaltung, der sich ebenfalls auf der Insel befand, wurde ins Pahlhuus in Zarrentin verlagert, wo eine Ausstellung über das Biosphärenreservat informiert. Zahlreiche Infotafeln an den Straßen erzählen von Geschichte und Natur der Gegend, und noch hingen die offiziellen Schreiben an den Bäumen, die Tagestouristen von außerhalb des Bundeslandes darauf hinwiesen, dass sie während des Corona-Lockdowns hier nichts verloren hätten.

8/20 – Die Moldau, Wandern in der Auvergne, Erkundung des Nord-Ostsee-Kanals, die Wikinger am Roskildefjord, Durchstreifen der Lüneburger Heide – alle Reisen, die ich schon im Winter für dieses Jahr organisiert hatte, sind abgesagt. Neue unternehme ich noch nicht. Da kam es wie gerufen, dass zwei Freunde mich zu einer Radtour rund um Lübeck einluden. Über Moisling, Buntekuh, Stockelsdorf und Dissau ging es bei strahlendem Wetter zwischen reifen Getreidefeldern, unter einem hohen, blauen Himmel und durch viele Dörfer mit stinkenden Schweinezuchthöfen nach Pronstorf. Wir bewunderten die eifrigen Mähroboter im Park des Herrenhauses derer von Rantzau, bestaunten die bemalte Holzdecke in der Kirche und sahen uns das Grab des Paul Emil von Lettow-Vorbeck an, einst Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika und zuvor, zwischen 1904 und 1906, in Deutsch-Südwestafrika am Abschlachten Zehntausender von Herero und Nama beteiligt. Unauffällig, kein Kult glücklicherweise. Da gerade an diesem Tag eine Beerdigung stattfand, hatte ausnahmsweise der Pronstorfer Hof geöffnet und versorgte uns mit Kuchen und Weizenbier. Schöner Tag. Das Glück des nichtreisenden Reisejournalisten.

7/20 – 15 Jahre alt war Herbert Scheuffler, gerade mal 1,49 Meter groß – und er wollte unbedingt Seemann werden. Es klappte – zufällig bekam ihn der Kapitän beim Einschiffen in Middleborough nicht zu Gesicht, und als er den kleinen Mann dann das erste Mal sah, waren sie schon auf See. Herbert durfte bleiben. Und er hielt tapfer durch: den rauen Ton, die hochgehenden Wogen, die die Seeleute bis auf die Haut durchnässten, den wenigen Schlaf, das Aufentern in die über 50 Meter hohen Masten, und nach einem Jahr wurde er vom Schiffsjungen zum Matrosen ernannt. 463 Tage insgesamt blieb er auf seiner ersten Reise – England, Mauritius, Seychellen, Australien, England – an Bord der „Passat“, und heute ist sein Tagebuch der rote Faden einer Ausstellung an Deck eben jener Passat, der ich mich in Travemünde jetzt ausführlicher gewidmet habe. Leider ist wegen Corona der Bauch des Schiffes nicht zugänglich, wo zwischen zusammengenieteten Stahlplatten ein paar lebensgroße Figuren in Arbeitsklamotten volle Jutesäcke zu einer kunstvollen Pyramide stapeln. Meist hatte die Passat Salpeter geladen, manchmal auch Weizen, Zement oder Guano. Aber auch so gibt es genügend zu sehen und zu lesen, um einen ersten Einblick in das Leben an Bord eines Lastenseglers zu bekommen – ein Leben, das wahrscheinlich eine Mischung aus Schinderei und Seefahrerromantik war.
Am 21. Juni hat der Deutschlandfunk mein Feature über „Arran – Schottland im Kleinen“ gesendet. Nachzuhören unter: https://www.deutschlandfunk.de/sonntagsspaziergang.1241.de.html
Und dann grüße ich jetzt mal alle ganz herzlich, bei denen ich mich in diesen schwierigen Monaten nicht oder zu selten gemeldet habe. Es sind die Umstände, so sorry.

6/20 – Warum denn in die Ferne schweifen – wenn Bad Schwartau liegt so nah. Bad Schwartau ist das Städtchen, in das Lübecker fahren, wenn sie unbedingt wieder mal kostenlos parken wollen. War da sonst noch was? Ausgerechnet dahin schickt mich die FAZ. Leichter Schrecken erstmal, dann habe ich alles an Literatur über das Städtchen bestellt, was noch in den Antiquariaten zu finden war. Habe es studiert, anschließend sind wir ein paar Tage dort herumgewandert. Und siehe da: Wir waren verblüfft, was sich alles an Landschaft – und dazugehöriger Geschichte - findet. Im Riesebusch ragen die Buchenstämme hoch wie Pfeiler von Kathedralen. Auf dem Sportplatz am Eingang hat Hitler 1932 seine Rede gehalten. Die Teiche und Sumpfniederungen der Altarme der Schwartau sind zwar nicht die Bayous vom Mississippi, aber im Halbdunkel unter den Erlen blühen gelbe Iris, stahlblaue Libellen sirren über das Wasser, und der Moorboden federt wie Gummi. Der See im Kurpark wiederum wurde vom Reichsarbeitsdienst ausgeschaufelt. Und ganz ungestraft darf man den Schwartauern auch eine gewisse Vorliebe für unbedeckte Haut nachsagen: Nackte auf dem Marktplatz, Nackte vor der Bücherei, Nackte im Eingang zu Apotheke. Alle in Bronze.
Am 24. Mai hat der Deutschlandfunk mein Feature über El Hierro gesendet, die Insel, auf der sich alles ums Wasser dreht. Nachzuhören unter:
https://www.deutschlandfunk.de/sonntagsspaziergang.1241.de.html

5/20 – Alle Pläne liegen auf Eis. Programme sind Makulatur. Der Reisepass vermodert in der Schublade. Die Wanderstiefel schimmeln vor sich hin. Das Moskitospray vergammelt im Schrank. Die Notizbücher bleiben jungfräulich. Und der Mann zuhause.
Und er sieht: Der Regen prasselt. Der Spinat platzt vor Kraft. Die Erbsen ranken. Der Salat jubelt. Die Möhren spitzen heraus. Der Wirsing drängt ins Freie. Ist doch auch was – und nicht das Schlechteste!

4/20 – Bleib zuhause – nichts anderes gilt natürlich für mich derzeit. Interessant ist, zu verfolgen, wie die verschiedenen Reiseveranstalter und PR-Agenturen auf die Krise reagieren. Die einen tun – fast – so, als ob nichts wäre, senden weiter ihre Hotel- und Destinationswerbetexte heraus und begründen es damit, dass die Kunden doch schon mal „vom Herbst träumen“ sollten – die aber jetzt wahrlich andere Sorgen haben. Andere verkaufen statt Reisen Geschenkboxen mit Produkten aus Uganda oder Indonesien. Hotels bieten Erholungstage oder kostenlose Fahrräder für Krankenhauspersonal an. Virtuelle Stadtrundgänge, Museumsbesuche, sogar Wandertouren sollen entschädigen für das Erlebnis vor Ort – und sind doch oft die längst fertigen Werbefilmchen aus der Schublade. Es ist ein manchmal phantasievolles, manchmal eher halbherzig-routiniertes Aufbäumen. Vielen Firmen gemeinsam ist, und das nehme ich ihnen ab, die Sorge, was nicht nur aus ihren Leuten im heimischen Büro wird, sondern aus all den Fahrern, Führern, Köchen, Kellnern und Putzfrauen und – männern in den Zielgebieten. Ich befürchte, die Landschaft der Tourismusindustrie wird hinterher sehr viel anders aussehen als vor einem Monat: Karger, gleichförmiger, viel weniger bunt und überraschend. Aber mit Prognosen ist das so eine Sache in diesen Tagen....

3/20 – Corona rundum, ITB abgesagt, Tausende in Quarantäne und insgesamt ist die Welt ziemlich in Aufruhr – was macht da der Reisejournalist? Er ordnet seine Musik-CDs, setzt sich aufs Rudergerät, um halbwegs in Form zu bleiben, macht Sommerpläne, sägt Holz und denkt darüber nach, wie es denn wohl wäre, wenn in dieser sich rasant verändernden Welt plötzlich gar niemand mehr reisen wollte und damit seine, des Journalisten, Geschäftsgrundlagen entfielen.
Nachzuhören auf dem Deutschlandfunk sind noch meine Features über Helsinki (19.1.), die Algarve (5.1.) und den Karneval in Viareggio (23.2.). https://www.deutschlandfunk.de/sonntagsspaziergang.1241.de.html

2/20 – Hildesheim ist gerade mal zweieinhalb Stunden von Lübeck entfernt und wir waren noch nie da. Ein Anlass, jetzt einmal hinzufahren und sich Andreas- und Michaeliskirche und den Mariendom anzusehen, war das Lichterfestival Evilichtungen. Da es schon zum dritten Mal stattfand, setzten die Veranstalter eher auf Lichtkunst im Inneren der Gebäude als auf bombastisch und bonbonfarben angestrahlte Fassaden. Gerade die aber hatten wir erwartet und vermissten sie. Gefallen hat uns eine Seifenblasenwand im Römer- und Pelizaeus-Museum, sowie unter einer Brücke abgestellte, wie in Panik verlassene Autos, deren Innenräume mit Gasen gefüllt waren – wenigstens die waren bonbonfarben. Der Markt mit seinen Fachwerkbauten erschlägt einen zunächst. Beim zweiten Blick aber kommt man nicht umhin, festzustellen, dass jede Patina fehlt, und man – historisch mehr oder weniger verbürgte – Disney-Kulissen vor sich hat. Interessant am berühmten Knochenhauerhaus sind moderne Malereien im alten Fachwerk – und genau dazu hatte die Tourist-Information leider keinerlei Material.

1/20 – El Hierro ist steinig, El Hierro ist dürr, El Hierro ist trocken. Entsprechend dreht sich alles ums Wasser.
Es sickert durch seine Geschichte, es tröpfelt durch seine Legenden, rieselt in Liedern, tauft Statuen zu Heiligen und scheidet Arm von Erträglich, Bleiben von Gehen, Tod von Leben. Immer ging es darum, Wasser zu finden, zu verteilen, zu speichern, zu verteidigen. Wer die Insel und ihre Menschen verstehen will, muss vom Wasser sprechen. „Ihr dürft um Wein bitten, aber nicht um Wasser“, wurde den Kindern eingebläut, wenn sie Nachbarn besuchen wollten. Dieser Geschichte bin ich nachgegangen: in Ananasplantagen, bei der Weinverkostung, am Wind-Wasser-Kraftwerk und auf mehreren Wanderungen durch die ungeheuer vielfältigen Landschaften der kleinsten der Kanarischen Inseln. –

12/19 – Ein maurischer Herrscher mit einem Säbel aus Luftballons, Wildschwein im Pastinakenbett und ein Abstecher ins verbrannte Hinterland - bei „Algarve 365“ habe ich Portugals Süden einmal ganz anders kennengelernt. Es ist ein Festival, das die Region auch außerhalb der überlaufenen Saison für Besucher interessant machen soll. Kochkurse, ein Zirkus, ein Poesiefestival, Straßenkunst, Sternebeobachtung - das Programm traut sich einiges zu. In einer Winzerei flötete zur Weinprobe die Sängerin der Gruppe Low Tech Groove wie eine sehr laute Amsel, quälte ihre elektrische Violine und brachte im nächsten Moment als unterkühlte Nightclubdiva einen Hauch von Verruchtheit zwischen Stahltanks und Eichenfässer. Bei einer Wanderung diskutierten wir, wie sinnvoll es ist, 40 Golfplätze vorzuhalten, wenn das Wasser überall knapp wird. Und am Ende sang in Monchique ein Chor unter Jacarandabäumen das historische „Laurinda, linda, linda“, bei dem es um nichts anderes als Ehebruch und Verführung geht, und die Klassik ging ganz harmonisch über in das traditionelle Kastanienfest, bei dem jeder sich soviele Knollen wie möglich aus Glut und Asche klaubte, bis auch die Finger Blasen warfen.

11/19 - Da gibt es doch keinerlei Zweifel: Tief unter den Dünen von Binz ist ein riesiges U-Boot vergraben, und das einzige, was davon noch sichtbar ist, ist sein überdimensionales Periskop. Wie ein gequetschtes, viereckiges Ei ragt es auf einem dünnen, weißen Stiel aus dem Sand und erlaubt durch seine großen Fenster den Blick nach allen Seiten. Doch was machen die kleinen Menschen darin, die sich gerade von den Stühlen erheben? Sie gratulieren Braut und Bräutigam. Denn das seltsam weltentrückte Gebilde, das zu DDR-Zeiten der Aussichtsturm der Strandwache war, dient heute im Sommer als Standesamt. Gebaut hat es 1981 der Bauingenieur Ulrich Müther. Es ist, so leicht und verspielt, wie es da steht, aus zwei identischen Betonschalen zusammengesetzt, deren Wände gerade einmal fünf, sechs Zentimeter dick sind. Die Mütherschen Betonbauten sind ein Teil ungewöhnlicher Architektur auf Rügen. Der andere sind die weißen Türmchen und Erker, die Balkone und Balustraden, die Sattel- und Zwiebeltürmchen der verspielten Bäderarchitektur. Nimmt man noch die Backsteingotik von Stralsund dazu, das als „Tor zur Insel“ fast als Teil von ihr gilt, entdeckt man reichlich Stoff für eine ungewöhnliche Reise in die Baugeschichte. Und genau die haben wir unternommen.

10/19 – Helsinki wiederbesucht – vor fünf Jahren war ich zum letzten Mal da. Aufregend, was sich seitdem getan hat: Es gibt ein neues, unterirdisches Kunstmuseum am Glaspalast (der nur so heißt, in Wirklichkeit ein Infozentrum für die in den 1940er-Jahren geplanten Olympischen Spiel war), das Amos Rex, das mit gläsernen Zyklopenaugen in den Himmel blickt. Eine neue Metro verbindet Helsinki mit der Uni-Stadt Espoo. Oodi, die neue Bibliothek mit ihrer dynamischen Fassade aus Fichtenholz und Glas, steht mitten im Zentrum und wurde von Anfang an viel genutzt und heiß geliebt. Öffentliche Saunen erleben ein Comeback. Und all dies sind Symptome für eine ungewöhnliche Entwicklung: Die Finnen haben die Freude am öffentlichen Leben entdeckt, und sie sind sehr weltläufig geworden. Man geht aus, trifft sich in Restaurants, plaudert entspannt mit Wildfremden. Wer hätte das von den wortkargen Eigenbrötlern am Rand Europas je erwartet?

9/19 – Einen einzigen ungeklärten Todesfall gab es auf Arran in der Neuzeit – und möglicherweise war es ein Mord. Im August 1889 wurde der 32-jährige Edwin Rose auf dem Gipfel des Goatfell, unter ein paar Steinen verscharrt, gefunden. Sein Mitwanderer John Lurie aus Glasgow, den er erst kurz zuvor auf der Fähre kennengelernt hatte, war mit seinen Wertsachen verschwunden. Als man ihn festnahm, behauptete er, Rose sei abgestürzt, er habe ihn nur begraben. Trotzdem wurde er wegen Mordes verurteilt und starb 41 Jahre später im Gefängnis.
Das ist nur eine der vielen Geschichten, die man sich auf der schottischen Insel Arran – und auf dem Gipfel des 874 Meter hohen Goatfell - erzählt. Mit Whiskybrennereien, Burgruinen, sieben Golfplätzen und der gleichen geographischen Unterteilung in Highlands und Lowlands wie auf dem Festland, gilt sie als „Schottland im Kleinen“. Man wandert dort sehr abwechslungsreich auf und nieder, speist Pizza mit Haggis, dem schottischen Lamm-Innereien-Härtetest und tanzt Mittwochabends gemeinsam zur Fidel im Gemeindesaal. Ich habe mich dort mit meinen Mitwanderinnen und Mitwanderern sehr wohl gefühlt.

8/19 – Neufundland – zum sechsten Mal inzwischen.Und wieder einmal war ich auf dem East Coast Trail unterwegs, dessen Entstehung ich von Anfang an mitverfolgt habe. Ein Projekt, das ein paar Enthusiasten vor 25 Jahren angestoßen haben, indem sie Wochenende für Wochenende in die Natur zogen, Büsche ausrissen, Äste schnitten, Trittsteine durch Sümpfe legten, und so alte Fischerpfade entlang der Ostküste von Avalon wieder zugänglich machten. Nach drei Jahren gab die Regierung Geld, und der Verein konnte arbeitslose Fischer als Trailarbeiter anstellen. Das Ganze professionalisierte sich, 14 Millionen Kanadische Dollar sind inzwischen hineingeflossen in einen der schönsten und abwechslungsreichsten Wanderwege der Welt. Wale, Robben, Weißkopfseeadler, Musik in den Dörfern, frittierte Kabeljauzungen zum Abendessen, alte Geschichtenerzähler, ein riesiger Felsbogen im Atlantik – ich durfte wieder einmal Einiges erleben. Übernachtet habe ich bei Elke Dettmer, die zu den Gründungsmitgliedern des ECT gehört. Und erstmals war ich in The Rooms, dem nicht mehr so ganz neuen Museum in St.John´s, das die Geschichte der Provinz sehr anschaulich aufbereitet. Ein wundervolles Update, diese Woche.

7/19 – Fehmarn liegt sozusagen vor meiner Haustüre, entsprechend habe ich schon einige Stücke über dit und dat von dort geschrieben. Noch nie aber bin ich um die ganze Insel gewandert – und das habe ich jetzt nachgeholt. Zwei Tage habe ich für die 75 Kilometer gebraucht, fast immer war schönes Wetter, und ich habe dabei so mancherlei absolviert: Den Ernst-Ludwig-Kirchner-Strand bei Staberhuk, wo der Maler in den Sommern von 1912 bis 1914 Bilder voller Südsee-Exotik gemalt hat. Die umstrittene Arne-Jacobsen-Ferienanlage aus den 1960er- Jahren in Burgtiefe. Die Fehmarnsundbrücke endlich auch mal von unten. Den Jimi-Hendrix-Gedächtnisstein, mit persönlichen Erinnerungen an das Love&Peace-Festival 1970, das in Flammen, Matsch und Gewalt unterging. Im Vogelreservat Wallnau war ich, an Tausenden von Campingwagen und Wohnzelten ging es vorbei, und am Bojendorfer Strand habe ich tatsächlich ein Stück Ostseejade gefunden. Überall hingen blaue Kreuze, das Symbol der „Beltretter“: Im Fährbahnhof von Scandlines werden noch einmal alle Argumente gegen den geplanten Belttunnel aufgeführt. Hat man eben die Schönheit und Vielfalt der Insel noch hautnah erlebt, kommt einem das Projekt noch sinnloser, zerstörerischer und unverschämter vor.

6/19 – Und auch das kann passieren: Beim Schneiden des Weins fällt Frau Gattin von der Leiter, bricht sich kompliziert die Hand und der Reisejournalist wird über Nacht zum Chauffeur, Broteschmierer, Staudenbeetjäter – und was dergleichen mehr anfällt. Statt Reisen nach Tschechien also Abstecher in die Uniklinik, statt Recherche an der Moldau Rasenmähen im Eichenweg. Und wir sind glücklich dabei: Es hätte viel schlimmer enden können.

5/19 – Ganz im Osten von Albanien: Wenn der Regen ohne Unterlass runterprasselt und den Untergrund in reinen Morast verwandelt, so dass man keinen Schritt vor die Tür setzen kann, ohne durchnässt zu werden und dabei eigentlich eine längere Wanderung durch den Nationalpark angesetzt war, muss das Essen es richten. Fatnir Tupi, der Wirt, röstet Brot im Kamin. Sein Sohn Lorec ist im Dauereinsatz zwischen Küche und Gastsstube, schleppt Schafskäse, Sauergemüse, Frühlingszwiebeln herbei, bringt Fargess, eine Mischung aus Leber, Käse und Öl, gemischten Salat, gegrillte Lamm- und Kalbsstücke. Und zum guten Abschluss, damit niemand etwas Abfälliges über albanische Gastfreundschaft sagen kann, eine ganze Schüssel hartgekochter Eier. Die Männer aus dem Dorf sitzen am Fenster, rauchen, trinken Raki aus Wassergläsern und sehen zu, wie das Wasser am Fenster herunterläuft. Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht ein sonniger.

4/19 – Da gibt es Leute, die sich mitten im Satz unterbrechen, „... und deshalb sollten wir...“, kurzer Blick nach schräg oben – „ach, Erlenzeisig, toll ... auf jeden Fall in Kontakt bleiben...“. Man nennt sie Ornithologen. Und mit solchen bin ich eben durch Estland gereist und habe viel Neues gelernt: Sie führen Deutschland-, Jahres- und Lebenslisten – der Vögel, die sie mit Sicherheit gehört oder gesehen haben. Sie stehen sehr früh auf, um eventuell einen vorüberhuschenden Schemen als Haselhuhn verzeichnen zu dürfen. Sie stapfen nachts durch den finsteren Wald, hinter ihrem Führer her, der immer wieder die melancholische Tonfolge des Sperlingskauzes in alle Richtungen flötet. Und wenn der dann tatsächlich antwortet und durch das Spektiv hoch oben in einer Fichtenspitze wie ein mächtiger Raubvogel auszumachen ist (dabei ist er gerade mal starengroß), herrscht rundum pure Glückseligkeit. Auch ich, als Orni-Azubi, habe meine Augen offengehalten. Und einen Elch entdeckt - korrigiere: einen Bär – korrigiere: einen Auerhahn, wie ich mir von der geballten Fachkompetenz dann sagen lassen musste. Und übrigens: Ornis sind eigen – aber sie können sehr nette Menschen sein. – Zum zweiten Mal kam ich bei der Wahl zum „Reisejournalist des Jahres“ hinter Helge Sobik und Stefan Nink auf Platz 3. Gewählt haben Kolleginnen und Kollegen und Damen und Herrn aus den Agenturen. Ich danke herzlich.

3/19 – Karneval in Viareggio an der toskanischen Küste. Neun, zehn Meter hohe Figuren aus Pappmaché werden auf Wagen über die Piazza Mazzini gefahren. Sie stellen Trump mit Schwert dar, einen Wal, der sich voll Plastik gefressen hat, Frieda Kahlo, zähnefletschende Hyänen mit glühenden Augen, ein vor Gift schon ganz grünes Schneewittchen mit der bösen Hexe. Sie bewegen Teile ihres Körpers, rollen eindrucksvoll die Pupillen, schütteln den Kopf. Und sie symbolisieren die kaputte Natur, Frauenpower, Umweltzerstörung und unsere moderne Gefangenschaft im Käfig der elektronischen Kommunikation – Probleme, auf die man sich leicht einigen kann. Jeder der Wagen hat seine mittanzende und –singende Voraustruppe mit eigenen Kostümen, eigener Musik und eigener Choreographie, und der Umzug ist durchaus farbenprächtig, laut und beeindruckend. Früher, wird einem unter der Hand gesagt, seien die Figuren allerdings viel direkter politisch gewesen. Doch die meisten der Skulpteure liebäugelten mit der 5-Sterne-Bewegung. Seit die in der Regierung sitzt und ebenfalls allerlei Bockmist mit zu verantworten hat, fällt die Kritik deutlich belangloser und allgemeiner aus.

2/19 – Das Miniatur Wunderland in der Hamburger Speicherstadt, das 2001 eröffnet wurde, habe ich schon ziemlich bald nach der Eröffnung besucht. Genauso wenig wie die Macher aber hätte ich mir damals träumen lassen, was einmal daraus werden würde: Eine Anlage, auf deren 1500 qm Modellfläche inzwischen 21 Millionen Euro verbaut wurden und 1000 Züge, 10 000 Autos und 500 Schiffe unterwegs sind. 50 Computer sind im Einsatz, über 300 Angestellte zählt der Betrieb und mehr als 17 Millionen Menschen aus aller Welt haben sich die Kreationen der Tischler, Modellbauerinnen, Mechatroniker und Elektrikerinnen angesehen: 2017 wurde das Wunderland von ausländischen Besuchern zum beliebtesten Touristenziel old Germanys gewählt. Und das Geheimnis? Es bleibt auch im 18. Jahr, erweitert jetzt um Italien und Venedig samt Commissario Brunetti, eine niedliche und übersichtliche Welt. Eine Welt, in der Züge pünktlich fahren, Baurbeiter gemütlich frühstücken und die Feuerwehr zuverlässig mit Tatütata anrückt, wenn es brennt. So freundlich, so fassbar muss das Leben einst gewesen sein, ehe man sich mit anonymen Mächten namens Globalisierung oder Klimawandel befassen musste.

1/19 – Wintersturm auf Fehmarn, Überschwemmung der Ober- und Untertrave in Lübeck, dazu 20 Kubikmeter Holz auf der Auffahrt, die gesägt und gespalten werden wollen – wer solche Sensationen vor der Haustüre hat, braucht nicht groß zu verreisen. Und darum lasse ich es in diesen Wochen auch.

12/18- Käse ist der Lebensinhalt von Franz Horn. Eben erst ist der Zweiundsechzigjährige gesundheitsbedingt aus der Käserei in Grünenbach ausgeschieden, wo er fünfunddreißig Jahre lang gearbeitet hat. An die zweitausend kleine Laibe Bauernkäse reifen da für eine Lindenberger Firma heran, jeden Tag haben er und seine beiden Mitarbeiter einhundertsechsundsiebzig neue dazu gestapelt. Seine Privatsennerei in Missen-Berg aber ist seit fast zwanzig Jahren Experimentierstube und Spezialitätenwerkstatt zugleich: Alles, wofür der 5200-Liter-Kessel in Grünenbach zu groß war, entstand hier. Auch die Urkunden und Fotos von den Gold- und Silbermedaillen, die er während seines Berufslebens bei Wettbewerben und Käseolympiaden abgeräumt hat, hängen jetzt hier. Zum Abschied habe ich ihn noch einmal besucht. Und eine Geschichte über ihn geschrieben – sozusagen ein Heimspiel.

11/18 – Schweiz. Lausanne. Das Aquatis. Naga, der Komodo-Waran, der Alligatorhecht und die Nashornviper, der mächtige Pirarucu vom Amazonas und der Kammmolch aus den heimischen Alpen sind die heimlichen Stars von Europas größtem Süßwasser-Aquarium und Vivarium. Es ist ein Mischgebilde aus Aquarium, Museum, Volkshochschule, Disneyland, Zoo und botanischem Garten, eine Fusion aus natürlich Lebenden und künstlich Belebtem und wurde vor einem Jahr eröffnet. Im ersten Stock folgt der Besucher dem Verlauf der Rhone von ihren Quellen in den à la Eisprinzessin bläulich ausgeleuchteten Kunststoffgrotten bis zum Mündungsdelta in der Camargue. Zwischen den Aquarien mit Barben, Barschen und Zandern sind immer wieder auf Knopfdruck Filme zu einzelnen Themen abrufbar. Mal kommen Wissenschaftler zu Wort, mal läuft ein modernes Märchen als Trickfilm, mal historische Illustrationen. Der zweite Stock widmet sich den Fischen, den Reptilien und dem Wasser auf den anderen Kontinenten. Die Protagonisten werden bizarrer und farbenprächtiger, ihre Namen klingen wie lyrische Wortmalerei: Westafrikanischer Knochenzüngler. Beulenkopfmaulbrüter. Masken-Kaninchenfisch. In der letzten Abteilung, Amazonien, gibt es noch einmal ordentlich Fisch fürs Geld. Mächtige Brocken wie der Amerikanische Messerfisch, der Schwarze Pacu, der Wolfsalmler und der Kleine Tahira ziehen stoisch ihre Bahnen hinter Glas. Und die rötlichen, wie mit Silberflitter bestäubten Pirnahas glotzen durch die Scheibe wie doof-treuherzige Ganoven, denen man nicht über den Weg trauen kann.

10/18 - Unter einem aufblasbaren, roten Bogen mit dem Logo einer Mobilfunkfirma zieht er ins Fußballstadion ein: Ein scheinbar nicht abreißender Zug aus dunkelrot glänzenden Muskelpaketen, sehnigen Greisen mit Bärten wie Stahlwolle, Mädchen, die grüne Holzmasken über den Augen tragen, und gewichtigen Matronen mit baumelnden Brüsten. Die einen rasseln und trillern, andere keuchen in höchstem Diskant, gefolgt von einem Stakkato kriegerischer Schreie. Federn schillern, Perlmutt schimmert, rissige Farbe bröckelt auf jeder Menge brauner Haut – und immer wieder weht eine kräftige Schweißwolke in die Reihen der Zuschauer. Es ist, als blättere man im einem alten Handbuch der Völkerkunde und ein Bild überlagere das andere. Und, das ist das wahrlich Aufregende, nicht wenige in diesem Zug stehen zumindest mit einem Bein noch in eben dieser Vergangenheit.
So beginnt die jährliche Goroka-Show in Papua-Neuguinea. Wobei der Begriff „Show“ in die Irre führt. Es ist eher eine Art nationales Fest, ein Akt der Selbstvergewisserung eines Landes, das sich mit über 800 Sprachen und mehr als 1000 Stämmen wahrlich eine Multi-Kulti-Nation nennen darf. Ich war begeistert – und das wurde auch nicht getrübt von den Schwierigkeiten dieser Reise: Flugzeuge fielen aus wegen Motorschadens, Flugzeuge konnten nicht landen wegen Nebels, größere Flugzeuge wurden durch kleinere ersetzt – und dann war kein Platz mehr für uns an Bord. Trotz all dem: Ein großartiges Land!

9/18 – Im Feental auf der Isle of Man lauern jede Menge Fallstricke, Fettnäpfchen und Fußangeln. Denn dies ist die Heimat derer, die man möglichst nur „themselves – sie“ nennt. Der Holunder zeigt winzige Löcher in seiner Rinde? Nein, es sind keine Poren, sondern die Ohren von Feen. Ein Weißdornbusch steht im Weg? Bloß nicht abhacken: In seinen Wurzeln leben die Kleinen Leute mit grünem Wams und roter Kappe. Verirrt sich ein Kind dorthin, darf es mit ihnen feiern, gefühlte zwei, drei Stunden lang. Doch kommt es heraus, sind Jahre vergangen und die Eltern längst alt und grau vor Gram geworden. Auch Buggane sind unterwegs, große, mürrische Gestalten mit Pferdehufen, die gar nicht gut mit Menschen können. Glück dagegen hat, wer mit einem Phynodderee auf gutem Fuß steht: Fühlt das haarige Riesenwesen sich ernst genommen, hilft es einem womöglich heimlich bei der Ernte. Alle zusammen heißen sie Feen, jede Pflanze, jeder Baum hat eine eigene. Überall auf der Insel halten sie sich auf, und so ist es nur folgerichtig, dass im öffentlichen Bus Nr. 5 jedes Mal kurz vor der Feenbrücke bei Douglas die Durchsage erfolgt: „Nach alter Art grüßen wir an der Brücke die Feen“. Und alle Fahrgäste murmeln versonnen: „Hello, fairies!“
Was ich sonst dort gemacht habe? Wandern. Cider trinken. Und einer spannenden Geschichte nachspüren, in der auch Deutsche eine Rolle spielten: Während des Zweiten Weltkriegs waren viele, die vor den Nazis nach England geflüchtet waren, dort vorübergehend interniert.

8/18 – Zwei ungewöhnliche Themen in einer Region: 1918, vor 100 Jahren, wurde die Tschechoslowakische Republik gegründet. Als ihre Keimzelle gilt das Grenzgebiet zwischen den heutigen Staaten Tschechien und Slowakei, von Hodonín bis zu den Weißen Karpaten. Hier kamen die beiden Staatsgründer Tomas Masaryk und Milan Stefanik zur Welt. Wie begeistert vor allem die Slowaken noch immer von ihrem „Kleinen mit den blauen Augen“, Stefanik, sind, erlebte ich im Museum, als der junge Direktor, ein Mann mit Doktorabschluss, mit Tränen in den Augen gestand, Milan sei sein Held. Begraben ist er auf einem Hügel über dem Dorf, auf einer Pyramide in einem weißen Sarkophag, der von vier Obelisken flankiert wird. Die Identität des neues Staates sollte sich auch in der Architektur ausdrücken. Dusan Jurkovic baute dafür den Kurort Luhacovice zu einem slawischen Vorzeigeort um. Sieben Gebäude des „Holzdichters“ stehen noch: Auf den Dächern sitzen Erker, auf den Erkern weiße Spitzen, die Fenster tragen Muschelbögen und geschnitztes Schwanengefieder. Dazwischen blühen hölzerne Blumen, fallen hölzerne Sonnenstrahlen ein – „Wohlfühlarchitektur“ nennt es Reiseführer Juraj, glühender Verehrer des Mannes. Leute, die Jurkovic weniger wohl wollten, sprachen von einem „Lebkuchenhäuschenstil“. – Ein paar Kilometer weiter, in den abgeschiedenen Weißen Karpaten, macht vor sechs Jahren ein Roman der Autorin Katerina Tuckova Furore. „Das Vermächtnis der Göttinnen“ handelt von den magischen Frauen, zu denen man ging, wenn die Kuh lahmte, Opa kränkelte oder die Angehimmelte ihren Verehrer links liegen ließ. Auch die deutschen Besatzer, vor allem Heinrich Himmler, sollen höchst interessiert an den Ritualen gewesen sein, die sie für alte indogermanische hielten. Das Buch bewirkte zweierlei: Die Menschen hier waren empört. Denn die Autorin plauderte das, worüber nie jemand sprach, öffentlich im ganzen Land aus: Dass hier viel und übler Schnaps gesoffen wurde, fast keiner der „kleinwüchsigen, knorrigen Menschen“ lesen und schreiben konnte, Männer ihre Frauen bis aufs Blut quälten und Verwandte miteinander ins Bett gingen. Und plötzlich überschwemmte ein Strom von Touristen die Gegend... Auch das habe ich mir angesehen, die taz wird die beiden Geschichte bringen.

7/18 – Ein Kapitel Heimatkunde zwischendurch: Für die Sommerserie der FAZ, „Deutsches Wasser“, habe ich mir die Wakenitz zwischen Lübeck und dem Ratzeburger See vorgenommen. Und wieder mal gestaunt, wie wunderbar ich auf meine Freunde zählen kann, auch journalistisch: Bernd, der am Ufer groß geworden ist, versorgte mich mit herrlichen Geschichten aus der Nachkriegszeit, als sowjetische Soldaten etwa dort nackt badeten und auf den Hinweis darauf, dass „dat hier gunnich geiht“, am nächsten Tag bekleidet auftauchten – angetan mit weißen Damenschlüpfern. Ingo weckte sein Kanu aus dem langen Schlaf, und gemeinsam paddelten wir die rund 30 Kilometer hin und zurück, sichteten einen Eisvogel, ließen uns von Reihern begleiten und hatten am Ende des Tages ordentlich gearbeitet. Und ich habe es aufgeschrieben – ein absolutes Gemeinschaftswerk. Dank dafür!

6/18 – Ich möchte diesmal mit einem Dank an meinen so unermüdlichen wie unerbittlichen Korrektor Joachim Fenske beginnen, der gnadenlos wie ein Scharfrichter darüber wacht, dass von hier aus kein schiefes Bild, keine orthografische Fehlleistung und kein falsch gesetztes Komma seinen Weg in die Welt findet. Man wünschte eine solche Instanz so manchem Internetschreiber... –
Die Wandersaison beginnt wieder. Begann für mich und Christoph Hennig, den erfahrensten aller Pfadfinder, mit Wanderungen in den Tälern von Aspe und Ossau in den Pyrenäen. Start war in Pau. Pau hatte, wie jedes Jahr, ausgerechnet an diesem Wochenende die Formel 3 zu Gast. Es ist kein Vergnügen, sich mit dem Mietwagen in einer Stadt zurechtfinden zu müssen, in der die wichtigsten Straßen zu einem Rennrundkurs mutiert sind und das Navi-Gerät irgendwann vor Verzweiflung durchdreht – als Fahrer ist man nahe davor, es ihm gleichzutun.
Die Täler selbst waren nass, aber schön. Höhepunkt war der Chemin de la Mature, der „Mastenweg“: Ende des 18. Jahrhunderts beschloss Frankreich, seine Flotte auszubauen. Besonders Schiffsmasten waren gesucht. Ganz hinten im Tal der Sesconé, einem wilden Nebenfluss der Gave d`Aspe, wuchsen die besten: lange, gerade Rotbuchen ohne allzu viele Äste. Doch der Ort war unzugänglich, wie sollte man die Stämme ins Haupttal transportieren? Man fand eine verwegene Lösung: Mitten in eine steile Felswand sprengte man eine zwei Meter breite Rinne, eine Art Halbröhre, die heute zum Wandern zugänglich ist. Über Schotter, scharfkantige Kalksteinbrocken und Treppenstufen geht es aufwärts, rechts fällt die Wand